Not so glamorous: Der Mythos Standby Fliegen

Standby Fliegen

Der Mythos Standby Fliegen ist ungebrochen: Jetset-Leben, Business-Class-Flüge und für wenig Geld um die Welt. Mein reisebegeisterter Bekanntenkreis beneidet mich oft darum, dass ich mich dank meines Jobs günstig auf Restplätze vieler Airlines buchen kann. Aber leider ist der Fliegerhimmel heute nicht das Thema. Stattdessen möchte ich euch erzählen, wie es auf der Fliegererde so zugeht. Denn am Ende ist eben doch nicht alles Gold, was glänzt.

Beim Standby Fliegen gibt es genau zwei Regeln:

  1. Vollzahler haben immer Vorrang
  2. Der Standby ist der unterste in der Hackordnung

Selbst wenn du schon mit einem Bein im Flieger stehst, bedeutet das bei einem vollen Flug konkret: Sobald sich ein Vollzahler spontan zu einer Reise entschließt oder ein Geschäftsreisender sein Flexi-Ticket umbucht, bekommst du einen Tritt und findest dich im besten Fall auf der Warteliste wieder.

24 Stunden Zittern: Unsere Odyssee nach Bali

Und manchmal geht beim Standby Fliegen eben alles schief, was schiefgehen kann. So wie neulich, auf unserem Flug nach Bali. Denn der lief in etwa so ab:

 

10:00 Uhr: Ein neuer Tag bricht an. Wir packen unseren Koffer und freuen uns auf einen entspannten Business-Class-Flug nach Bali. Der Traumurlaub steht vor der Tür. Alles ist gut.

 

12:00 Uhr: Ich checke die Buchungszahlen, und so langsam ziehen düstere Wolken am Horizont auf. Waren gestern nicht noch über 60 Plätze frei? Hat sich eine gigantische Hippie-Gruppe zu einem spontanen Selbstfindungstrip zusammengeschlossen?

 

14:00 Uhr: Aktualisieren, aktualisieren, aktualisieren.

 

15:00 Uhr: Der Flieger läuft über. First voll. Business voll. Eco drei freie Plätze.

 

16:00 Uhr: Ich ziehe die Notbremse und beschließe kurzerhand, unsere Flüge fest zu buchen. Das funktioniert mit einer Art virtuellem Guthaben (kein echtes Geld), das jeder Airline-Mitarbeiter jährlich zugeteilt bekommt. Schweren Herzens opfere ich mein gesamtes Jahresguthaben, um uns zwei Economy-Plätze zu ergattern.

 

17:00 Uhr: Die Bestätigungsmails sind da. Aber wieso hat nur mein Freund eine eTIX-Nummer bekommen? Ich kann nicht länger darüber nachdenken, denn wir müssen dringend los zum Flughafen.

 

18:15 Uhr: Endlich am Schalter angekommen. Dann der Schock: Tatsächlich ist nur mein Freund fest gebucht. Mein Ticket ist nicht durchgegangen. Natürlich ist es jetzt schon zu spät für eine feste Buchung.

 

18:25 Uhr: Gemeinsam mit der hilfsbereiten Kollegin am Schalter suchen wir fieberhaft nach einer Lösung. Kurzerhand wird sämtliches Gepäck auf meinen Freund geschrieben und erst einmal weggebracht. Ich ziehe meinen Laptop aus der Tasche und versuche fieberhaft, ein neues Ticket zu buchen. Der Telekom-Hotspot am Flughafen ist mir dabei leider keine große Hilfe. Das Internet stürzt ständig ab und jede neue Seite braucht gefühlt eine Stunde zum Laden.

 

18:35 Uhr: Meine Nerven liegen blank. In 25 Minuten geht der Zubringer nach Frankfurt. Nachdem meine Kreditkarte zweimal abgelehnt wurde, gelingt es mir mit meinen zitternden Fingern endlich, den Standby-Flug zu buchen.

 

18:40 Uhr: Die Mail kommt an und die Kollegin am Schalter stellt mir eine Boardkarte aus. Der Flug um 19 Uhr ist nicht mehr buchbar – 20 Uhr steht auf der Karte. Deshalb ruft sie am Gate an und bittet die Kollegen dort, mich trotzdem mitzunehmen.

 

18:45 Uhr: Wir bedanken uns überschwänglich und rasen zur Sicherheitskontrolle. Neben uns sprinten vier Asiaten, mit denen wir uns ein Rennen liefern. Wir gewinnen, und haben am Scanner nur zwei andere Passagiere vor uns. Natürlich gehören genau diese beiden zu der Sorte Mensch, die in ihrem Leben noch nie ein Flugzeug von innen gesehen haben. Mascara, Wasserflasche, Laptop,… der Sicherheitsmann muss ihnen jedes Teil einzeln aus der Nase ziehen.

 

18:52 Uhr: Wir rennen zum Gate. Falsches Gate. Wir rennen zum Gate. Richtiges Gate. Glück gehabt: Gerade noch am Boarden.

 

18:59 Uhr: Die Kollegin am Gate ist informiert und gibt mir einen Sitzplatz. Den letzten. Zwei Flugschüler landen auf den Jumps. Knappe Kiste, aber stehen bleibt niemand.

 

19:30 Uhr: Ich bin unglaublich erleichtert, endlich im Flugzeug zu sitzen. Wirklich genießen kann ich das Ganze aber nicht. Standby Fliegen mit einer vollen Maschine nach Jakarta – beschissener geht’s kaum.

Zubringer geschafft, jetzt geht’s ans Eingemachte

20:45 Uhr: Wieso ist der Frankfurter Flughafen eigentlich so riesig?

 

21:00 Uhr: Endlich an der Passkontrolle.

 

21:10 Uhr: Bei den Kollegen am Schalter erfahre ich zu meinem Entsetzen, dass der Flieger mittlerweile mit 14 Plätzen überbucht ist. Außerdem hat die Maschine ein Gewichtsproblem. Übersetzt heißt das, dass keine Jumpseats vergeben werden.

 

21:20 Uhr: Die nette Kollegin am Gate macht mir nicht allzu viel Hoffnung. Für den Fall, dass ich stehenbleibe, wird mein Gepäck vorläufig ausgeladen. Als sie mein trauriges Gesicht sieht, meint sie aufmunternd: „Erst mal abwarten, manchmal verschluckt der Flughafen auch Passagiere.“

 

21:35 Uhr: Noch 25 Minuten bis zum Abflug. Nach und nach werden sämtliche Vollzahler auf der Warteliste akzeptiert. Am Ende steht da nur noch mein Name und der eines anderen Standby-Fliegers. Mittlerweile bin ich auf dem ersten Platz. Also müsste nur noch ein Passagier seinen Flug verpassen. Wie viele Karma-Minuspunkte bringt es wohl, wenn ich eine alte Dame auf der Toilette einsperre?

 

21:40 Uhr: Ich resigniere und beginne, nach einem Hotel für die Nacht zu suchen. Mein Freund ist mittlerweile safe und hat auch einen Sitzplatz bekommen. Weil der Flieger am nächsten Tag noch stärker ausgelastet ist, soll er schon vorfliegen. Ich würde dann einfach morgen nochmal mein Glück versuchen.

 

21:47 Uhr: Die Kollegen am Gate unterhalten sich hektisch und ich höre immer wieder meinen Namen. Ich bin mir sicher, dass mein Gepäck bereits die Reise zum Band angetreten hat.

 

21:50 Uhr: Alle Gäste sind jetzt eingestiegen. Gerade als ich mich von meinem Freund verabschieden will, legt die Kollegin den Telefonhörer auf. Ihr dürft mit, erklärt sie mir und dem anderen Standby freudestrahlend.

 

21:51 Uhr: Ich möchte am liebsten jeden einzelnen Mitarbeiter am Gate umarmen. Leider bleibt mir dafür keine Zeit, weil ich zum Flugzeug rennen muss. Wieder einmal bin ich völlig hin und weg von der Kollegialität in der Fliegerei.

 

22:05 Uhr: Mit einer überglücklichen Passagierin mehr rollt das Flugzeug auf die Startbahn. Ich sitze in der Holzklasse. Wenig glamourös, aber zufrieden. Endlich kann ich mich für ein paar Stunden entspannen, nachdem ich den ganzen Tag Blut und Wasser geschwitzt habe. Jetzt gibt es nur noch eine Hürde zu überstehen: Den Anschlussflug von Jakarta nach Denpasar. Natürlich müssen wir standby fliegen – ich kann das Wort nicht mehr hören.

Endlich Indonesien! Jetzt nur noch weiter auf die Insel

17:30 Uhr (+1): Endlich in Jakarta angekommen geht es heiter weiter. Durchatmen ist nicht, denn wir müssen eine halbe Stunde Verspätung reinholen. Also Gepäck vom Band gezerrt und zum Domestic Terminal durchgefragt. Nur noch ein kurzer Flug liegt vor uns, das Ziel ist zum Greifen nah. Eine lokale Airline mit dem klangvollen Namen Garuda Indonesia soll uns auf die Insel bringen.

 

18:00 Uhr (+1): Ein Garuda Indonesia-Mitarbeiter wurde ausfindig gemacht. Das Gespräch verläuft in etwa so: „We`re flying standby, where do we have to go?“ „Stääändbei, wot is stääändbei?“ Diese Diskussion zum Thema Standby Fliegen führen wir etwa drei- bis viermal, bis wir endlich einen kompetenten Mitarbeiter an der Angel haben. Er schickt uns zum Wartelisten-Schalter. Dort erfahren wir – wie sollte es auch anders sein – dass der Flug bereits voll ist und keine Jumps vergeben werden (oder vorhanden sind?).

 

18:15 Uhr (+1): Zum Glück geht am selben Abend noch ein Flug. Der hat sogar so viele freie Sitze, dass wir direkt ein Ticket mit Sitzplatz ausgestellt bekommen. Der einzige Haken: Wir müssen nochmal zwei Stunden warten.

 

23:30 Uhr (+1): Endlich, endlich, endlich am Ziel.

Fazit: Warum tun wir uns das eigentlich an?

Jetzt fragt ihr euch bestimmt zu Recht, warum wir für unsere Bali-Reise eine so unsägliche Route gewählt haben. Ganz einfach: Am liebsten wären wir natürlich mit einem der Asia- bzw. Golfcarrier geflogen, die bequem über Bangkok, Doha oder Dubai nach Bali fliegen. Allerdings sind die Flieger hier schon Tage vorher übergelaufen. Um auf Nummer Sicher zu gehen, haben wir deshalb beschlossen, auf die „eigene“ Airline zu setzen. So ist die Chance am größten, überall mitgenommen und nicht auf halber Strecke stehengelassen zu werden.

 

Bisher kam Standby Fliegen für mich nur bei Direktflügen in Frage. Die sind relativ unproblematisch: Bleibt man stehen, geht man eben wieder nach Hause und probiert es am nächsten Tag nochmal. Der Bali-Flug war quasi mein erstes Umsteige-Experiment. Und es ist gut ausgegangen, obwohl die Weiterreise zwischendurch immer wieder auf der Kippe stand. Ich jammere hier also wirklich auf höchstem Niveau. Denn ich habe schon Geschichten von Standbys gehört, die tagelang im Sandkasten (Dubai, Doha) oder in Bangkok (ok, das wäre ja noch ganz nett) gestrandet sind.

 

Deshalb würde ich im Nachhinein auch lieber ein paar hundert Euro mehr bezahlen und mich dafür entspannt als Vollzahler ans Ziel bringen lassen. In der Holzklasse – dafür ganz ohne Nervenzusammenbrüche und Panikattacken. Denn mit Urlaub und Erholung hat das Standby Fliegen wirklich absolut gar nichts zu tun.

Standby Fliegen: Interjet Anflug auf Puerto Escondido

Standby Fliegen: Interjet Anflug auf Puerto Escondido

 

14 Gedanken zu „Not so glamorous: Der Mythos Standby Fliegen

  1. Hani

    Haha wie geil…da weiß man es ja wirklich wieder zu schätzen, wenn man als „Normalo“ ohne Angst in den Flieger steigen und den Flug zumindest halbwegs genießen kann.
    Liebe Grüße
    Hani

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    1. Franzi Artikelautor

      Ja! Leider waren wir auch zeitlich nicht wirklich flexibel, das macht das Ganze noch ein bisschen stressiger. Ich würde das nur wieder machen, wenn es auf ein paar Tage hin oder her nicht ankommt. Aber mein Freund hat nur zwei Wochen Urlaub bekommen und den wollten wir nicht verlieren.
      Liebe Grüße
      Franzi

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      1. PIROL

        hi,

        interessanter Bericht. Ich bin vor 9/11 sehr oft vorn im Cockpit als ganz normaler Gast interessenthalber gesessen obwohl ich meinen Platz hatte. Kurz nach gefragt und sehr oft Platz bekommen. Längst Strecke komplett durch, Zypern Berlin. Oft auch Innerdeutsch mit Nachtlandungen…
        Ja 9/11 hat uns alle sehr verärgert!
        Diesen Stress für 2 Wo. dort hin zu fliegen ist für mich schon grenzwertig.
        Alles Gute

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  2. Mario

    Oh man, ich gehöre ja zu den Glücklichen, die bereits in Doha steckengeblieben sind. Das schlimmste war, dass wir noch nichtmal den Flughafen verlassen durften. Mussten dann in ein völlig überteuertes Flughafenhotel einchecken, dass wohl extra für Gestrandete dort gebaut wurde. Zum Glück konnten wir einen Tag später weiter. Aber ich habe auch schon von Kollegen gehört, die da wochenlang festgehangen sind…

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    1. Franzi Artikelautor

      Lieber Mario, das war mein absoluter Albtraum und der Hauptgrund, weshalb ich nicht über den Sandkasten fliegen wollte. Von dem ominösen Hotel hatte ich nämlich auch schon gehört und davon, dass man oft tagelang dort feststeckt. Urlaub am Flughafen Doha – gruselig! Liebe Grüße, Franzi

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  3. Diane

    Hallo Franzi
    Habe beim Lesen förmlich mitgefiebert.
    Danke für den ehrlichen Bericht. Bin aber immer noch ein bißchen neidisch auf Deine tollen Berufe.
    Habe zwei sehr gute Freunde, die Kollegen von Dir sind und hänge auch immer an deren Lippen wenn es um verrückte Stories um Ablauf oder Passagiere („Leute gibt’s!“) geht.
    Freue mich auf mehr Deiner Berichte.
    Lieber Gruß aus Darmstadt – Diane

    Antworten
    1. Franzi Artikelautor

      Danke DIR, liebe Diane, fürs Lesen und mitfiebern 🙂
      Der Beruf hat einige nicht so schöne Seiten, aber im Großen und Ganzen ist es immer noch ein Traumjob. Schreib mich jederzeit an, falls du selbst interessiert bist und mehr Infos brauchst.
      Liebe Grüße
      Franzi

      Antworten
  4. Step

    hallo franzi,

    ich hab erst vor wenigen tagen deinen blog entdeckt und finde ihn sehr interessant und spannend.

    ich bin selbst flugbegleiter, bei eurer „tochter“ in wien…….kenne daher deinen lebensstil und die layover beschreibungen aus eigener erfahrung. und auch das standby fliegen. ich praktiziere das kaum mehr, man findet heute oft schon so günstige flugangebote (deshalb sind die flieger speziell auf der langstrecke ja auch immer fast alle voll), dass sich die zitterei um den platz oft nicht auszahlt. die paar hundert euro, die man in einen entspannten urlaub investiert, sind für mich zumindest inzwischen oft gut angelegt – es steigert die qualität enorm! standby fliege ich höchstens noch innerhalb europas und auf der LR wenn es mehrere flüge pro tag gibt (oder mit der eigenen airline, weil ich da meist vorher mit dem cockpit staff in kontakt trete und schon vorab um den jump seat für den fall der fälle anfrage).

    gruß aus wien und viele entspannte flüge, step

    Antworten
    1. Franzi Artikelautor

      Hi Step, vielen lieben Dank!
      Oh cool, so ein Zufall – vielleicht trifft man sich ja mal im Layover 🙂
      Da gebe ich dir Recht. Viele Kurzstreckenflüge sind ja mittlerweile sogar billiger als die Standby-Variante.
      Ich bin ja jetzt erstmal bis nächstes Jahr raus und auf Reisen. Freue mich aber jetzt schon, wenn es im April wieder weitergeht.
      Wünsche dir auch weiter viele tolle Flüge und many happy Landings!
      Liebe Grüße
      Franzi

      Antworten
  5. Nela

    Toll geschrieben! Hab direkt mitgefiebert! 🙂 … Kann mir gut vorstellen wie nervenaufreibend das sein muss. Ich würde wahrscheinlich eine Herzattacke erleiden *g* … Zum Glück ist alles gut gegangen. Ich halte mir dann in solchen angespannten Situationen immer vor Augen, was das Schlimmste ist was passieren könnte und ob davon die Welt untergeht. In den meisten Fällen tut sie es nicht 😉 .. Zum Glück 🙂

    Antworten
    1. Franzi Artikelautor

      Dankeschön 🙂
      Aber da hast du natürlich Recht. Im schlimmsten Fall wäre eine Nacht am Flughafen draus geworden. Gibt schlimmeres.
      Liebe Grüße
      Franzi

      Antworten
  6. Charlotte

    woah was für ein Abenteuer! Ich bin froh, dass alles gut gegangen ist. Aber was für ein Stress… hoffe, du konntest dich in Bali dann gut erholen!

    Viele Grüße
    Charlotte

    Antworten
  7. Simon

    Hallo Franzi!

    Hab gerade deinen alten Artikel gelesen…
    Als (Cockpit-)Kollege kann ich das alles sehr gut nachvollziehen. 😉 Ich mach den Mist nun schon seit über 12 Jahren mit.
    Aber ich mach es immer noch gern und habe mittlerweile eine ziemliche Routine: Puffertage und Loungezugang gehören mittlerweile zur Standardausrüstung, wobei ich -ToiToiToi- bisher nie irgendwo übernachten musste.
    Ich bin auf deinen Artikel gestossen, als ich bei google „Standby fliegen Hawaii“ eingegeben hab, da wir im Feb. 17 nach Hawaii fliegen wollen und ich gerüchteweise gehört hab, dass man da schwer von Lax aus mitkommt.
    Naja, mal sehen.
    Schöner Artikel auf jeden Fall, ich hab geschmunzelt. 🙂

    PS: Einmal dann in der C und alles ist wieder gut 😉

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